Mittwoch, 31. August 2016

"Sprezzatura" - ein Reizwort aus der "#Menswear"-Welt!


Über Modetrends wie den zur meiner Meinung nach eher fragwürdigen 'Sprezzatura' wollte ich eigentlich nie schreiben...

Inspiriert durch meinen letzten Italien-Aufenthalt in Lucca hatte ich dann doch eine Idee, wie ich darüber bloggen könnte - denn die 'Sprezz' liegt dem alteingesessenen Italiener einfach im Blut - wenn auch anders, als in vielen "#Menswear"-Blogs dargestellt.

Doch, was bedeutet 'Sprezzatura' eigentlich?

Sprezzatura ist laut Baldassare Castiglione die Kunst „eine gewisse Art von Lässigkeit anzuwenden, die die Kunst verbirgt und bezeigt, dass das was man tut oder sagt, anscheinend mühelos und fast ohne Nachdenken zustande gekommen ist“... auf deutsch nichts anderes als Routine, die selbst anstrengende Tätigkeiten geradezu 'nebenbei', 'im Vorübergehen gemacht' erscheinen lässt. Man könnte auch 'Nonchalance' dazu sagen.

Es ist gemeinhin anerkannt stilvoller, sich in stilvoller Kleidung sehr natürlich und unverkrampft zu bewegen, als eher steif und gewollt daherzukommen. Nichts wirkt verkrampfter und gewollter, als zum Beispiel jemand, der eine Krawatte trägt, aber sich damit unwohl fühlt. Wenn man aber damit auftritt, als wäre es das Normalste der Welt, dann wirkt es ungemein sicher und daher auch umso stilvoller.

So weit, so gut.

Ein bekanntes Beispiel für jemanden, der quasi nebenbei (wenn es um Kleidung geht) Stilbrüche begangen hat und damit zum Inbegriff für die Sprezzatura geworden ist, war Gianni Agnelli. Er trug OCBD-Hemden mit Krawatte und vergaß oft, die Knöpfe zuzumachen, oder aber er trug seine Uhr über der Hemdmanschette. Er tat das wohl aus praxisgerechten Gründen - und er strahlte damit diese "Nachlässigkeit" aus, diese Ungezwungenheit, die eben die Sprezzatura ausmacht:


Quelle: thegentlemansjournal.com

Jetzt sieht man in diversen Stilblogs oft ungeknöpfte Button Down-Hemden, oder aber auch Krawatten, bei denen das hintere, lange Ende zu sehen ist - etwas, das in meiner Generation als völlig daneben betrachtet wurde und wird... und das meiner Meinung nach nicht zu Unrecht. Dennoch denkt manch einer, damit diese unverkrampfte Nonchalance auszustrahlen - mit dem oft gegenteiligen Effekt!


Die jungen Männer hier sind an sich
überdurchschnittlich gut gekleidet, wenn man auch
zumindest auf dem rechten Bild über die eindeutig
zu enge Passform streiten kann.

Allerdings - "Richtige"
Sprezzatura ist etwas anderes...
Quelle: www.unrefinery.com


Das Ziel, etwas nicht "gewollt" aussehen zu lassen, wird verfehlt.

Nun bin ich dort, wo ich hinwollte: der durchschnittliche, gut gekleidete Italiener denkt oft nicht drüber nach, was er warum anzieht und dass er dabei betont nachlässig aussieht. Er zieht sich gebügelte Hosen und Hemden an, er kämmt sich seine Haare, und: setzt einen uralten, bereits ein wenig "zerfledderten" Panama-Hut auf. Seine Schuhe sind auch deutlich getragen, aber gepflegt. Ich habe nicht einen solchen Lucchesen gesehen, sondern viele.

Auch Modetrends werden da durchaus mitgemacht, die bei uns oft albern wirken - aber auch darüber wird eigentlich nicht so intensiv nachgedacht. So habe ich in Lucca haufenweise Retro-Digitaluhren ausmachen können, und das durchaus auch in Gold (!) an Handgelenken von konservativ gekleideten Männern... Genauso wie bequeme Sneakers zu Stulpenhosen und Sakko - weil es halt bequemer ist!

Ein noch besseres Beispiel ist meiner Meinung nach der typische, etwas ältere Luccheser, der sich quasi permanent am Fahrrad fortbewegt: Er ist gut gekleidet, alles ist sauber und gebügelt, aber sein Fahrrad...

Sein Fahrrad ist alt. Uralt. Am besten noch verrostet auch. Hauptsache es fährt!


Neuer Sattel? Wozu? Ein mit Tape umwickelter tut's auch!




Es ist die völlig normale Selbstverständlichkeit, mit der hier - abseits aller Modetrends - uralte Fahrräder benutzt werden, denn uralte Fahrräder fahren ebenfalls. Und sie haben einen Vorteil: sie werden nicht gestohlen! Niemand denkt hier darüber nach, ob das alte Fahrrad zur Kleidung passt oder nicht. Es fährt, und das ist wichtig.





Ich denke, Stil hat nichts damit zu tun, ob man 'Sprezzatura' hat beziehungsweise lebt... Stil kommt von innen. Stil ist Selbstvertrauen. Und routinierte Leichtigkeit.

Die Italiener in der Toskana haben einen sehr lockeren, selbstverständlichen Stil. Und das gefällt mir!






Kommentare:

  1. Wenn Lebensstile als reine Modeerscheinung begriffen werden, geht das immer schief. Egal, ob es um "Sprezzatura" oder um den in den letzen 20 Jahren völlig pervertierten Begriff "Preppy" geht. Das alles funktioniert nur, wenn man es auch lebt. Leben ist im Zeitalter von Internet gerade für Jüngere allerdings erschreckend oft Nebensache.

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    1. Hallo Classic! Da stimme ich dir zu... Den toskanischen Lebensstil der Lucchesen 'leben'... das ist ganz meins ;) (funktioniert allerdings am besten in Lucca, in Wien leider weniger). Ich bin aber schon recht italienisch beeinflusst. Daher versuche ich auch, hier in Wien ein bisserl entspannter zu sein. Ist ja am Ende nicht alles nur bierernst... aber eben: Sprezzatura hat man einfach, die kann man kaum nachmachen oder lernen, geschweige denn imitieren!

      Und das mit 'Preppy' ist ja sowieso ein völlig eigenes Kapitel. Da gibt es einerseits die völlig inhaltslose 'Preppy'-Mode, andererseits aber auch völlig überzogene Eliten-Vorstellungen. Am Ende ist man Preppy oder nicht, egal was man anzieht (ich kenne einen älteren Yalie, der ist schon mal in Board-Shorts, Flip Flops und Adidas-T-Shirt anzutreffen) und ob man nun ein Liberaler ist oder in Konservativer oder oder oder...

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  2. Was "Preppy" angeht kenne ich ja Deine Meinung. In bestimmten Bereichen liegen wir da auseinander, in Anderen nicht.

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